Man öffnet einen langen Artikel, fängt an zu lesen — und merkt irgendwann, irgendwo in der Mitte, dass man eigentlich nur überflogen hat. Die Augen sind über die Zeilen gegangen, aber etwas davon ist nicht geblieben. Der Text war nicht schlecht. Etwas anderes hat nicht funktioniert.
Das ist keine Schwäche und kein Konzentrationsproblem. Es ist eine Anpassungsleistung des Gehirns an die Oberfläche, auf der man liest.

Die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf hat untersucht, was beim Lesen auf Bildschirmen anders passiert als auf Papier. Das Gehirn wechselt in einen Modus des schnellen Informationsaufnehmens. Ein Umfeld, das ständig ablenkt und schnellen Konsum belohnt, trainiert eine bestimmte Art von Aufmerksamkeit: Überfliegen. Das sogenannte F-Muster — erst die Kopfzeile, dann diagonal nach unten. In einem Umfeld, das ständig um Aufmerksamkeit konkurriert, ist das eine rationale Strategie. Aber es ist nicht dasselbe wie Lesen.
Was Wolf tiefes Lesen nennt — das langsame Durchdringen komplexer Argumente, das Nachdenken über das Gelesene statt nur das Registrieren — ist eine erlernte Fähigkeit, keine selbstverständliche. Das Gehirn baut dafür eigene neuronale Verbindungen auf, den reading circuit. Wer ihn nicht regelmäßig benutzt, baut ihn ab. Das ist keine Metapher, sondern Neurobiologie.
Marshall McLuhan hatte den Grundgedanken bereits in den 1960er-Jahren formuliert, ohne die Neurobiologie dahinter zu kennen: Das Medium formt das Denken, nicht nur den Inhalt. Wer hauptsächlich auf Bildschirmen liest, entwickelt andere Lesegewohnheiten als jemand, der regelmäßig lange Texte auf Papier liest. Was McLuhan damals nur behaupten konnte, lässt sich heute messen.
Ich merke das an mir. Bücher lese ich nur auf Papier oder auf einem E-Ink-Reader — das war irgendwann eine bewusste Entscheidung, auch wenn sie sich anfangs nicht so angefühlt hat. Artikel dagegen lese ich noch auf dem iPad oder dem iPhone, je nachdem wo sie auftauchen. Ich habe einen Boox NoteAir4C — ein E-Ink-Gerät, auf dem ich eigentlich auch Artikel lesen wollte. Die Einrichtung hängt noch. Und ich bemerke, dass es in den letzten Jahren schwerer geworden ist, einen langen Text wirklich am Stück zu lesen. Nicht weil die Texte schlechter werden. Sondern weil die Oberflächen, auf denen ich sie lese, mich zu etwas anderem trainiert haben.
Was hilft, ist kein generelles Bildschirmverbot. Es ist eine Unterscheidung: Für Texte, die man wirklich durchdringen will, nicht nur konsumieren — lohnt sich eine andere Oberfläche. Papier oder E-Ink. Und das Entfernen von allem, was nebenher konkurriert. Nicht als Prinzip, sondern als Werkzeug für bestimmte Texte.
Der Boox liegt auf dem Schreibtisch. Ich komme dazu.
Literatur
Maryanne Wolf (2018): Reader, Come Home. The Reading Brain in a Digital World. New York: Harper
Marshall McLuhan (1964): Understanding Media. The Extensions of Man. New York: McGraw-Hill
Anne Mangen et al. (2013): Reading linear texts on paper versus computer screen: Effects on reading comprehension. International Journal of Educational Research
