Teil 2: Das Haus, das kein Zuhause war — und trotzdem meins
Ich hatte einen Namen. Mehr nicht.
Eine Kommilitonin, die drei Jahre vor mir in Waterloo studiert hatte und die ich aus Mannheim kannte, hatte mir vor der Abreise noch etwas mitgegeben: den Namen eines Kanadiers, den sie dort kennengelernt hatte. Sie hatte noch Kontakt zu ihm. Geh ins Grad House, hatte sie gesagt. Den triffst du dort.
Das war mein Plan für die erste Zeit in einem fremden Land.

Waterloo, Ontario. September 1995. Ich war Austauschstudent im Department of Germanic and Slavic Studies, einer von sieben Germanisten aus Mannheim, die in diesem Jahr den Atlantik überquert hatten. Es gab noch vier Wirtschaftsinformatiker aus Mannheim, mit denen wir auch Kontakt hielten. Ich studierte Germanistik — und landete damit, fast zufällig, im richtigen Gebäude. Das Grad House lag ein paar Minuten zu Fuß vom Modern Languages Building entfernt.
Die ersten zwei Wochen wohnte ich bei einem Bekannten, dann fand ich ein Zimmer. Winzig, das Haus eine Bruchbude. Nicht das, was man sich vorstellt, wenn man von einem Jahr im Ausland träumt. Ein Ort zum Schlafen, mehr nicht. Keine Küche, in der man gerne saß.
Das Grad House war anders.
Es war ein viktorianisches zweistöckiges Häuschen auf dem Campusgelände, nur für Postgraduierende (graduate students). Unten eine Bar mit ein paar Tischen, kein Zwang zu konsumieren. Oben Platz für Veranstaltungen und ein Patio, auf dem man im Sommer draußen sitzen konnte. Open Mic Nights, manchmal eine Band. Und Kaffee und Bier für wenig Geld.
Im Winter: Es gab ein Tunnelsystem unter dem Campus, das fast bis vor die Tür des Grad House führte. Auch bei minus zwanzig Grad Celsius war Kälte keine Ausrede mehr.
Zwei, drei Wochen nach meiner Ankunft ging ich das erste Mal rein und fragte nach dem Namen, den mir meine Kommilitonin gegeben hatte. Er war da. Er arbeitete hinter der Bar.
Kanadier sind offen auf eine Art, die Deutsche manchmal überfordert. Direkt in der Ansprache, ohne die deutschen Umwege — und das auf eine Art, die nicht aufdringlich wirkt. Man kam ins Gespräch, weil man ins Gespräch kam — weil das einfach so war. Ich weiß nicht mehr, was wir als erstes geredet haben. Ich weiß nur, dass wir schnell Freunde waren. Sechs Jahre später war er Trauzeuge bei meiner Hochzeit in Deutschland. Heute haben wir — auch wenn nicht mehr häufig — noch Kontakt.
Aber das ist die Geschichte, die man im Rückblick erzählt. Damals war er einfach jemand, der mir das Gefühl gab, nicht ganz fremd zu sein.
Ich war oft im Grad House. Öfter als die anderen Deutschen.
Durch ihn lernte ich Kanadier kennen. Nicht Austauschstudenten wie ich, sondern echte Einheimische, die Waterloo kannten und seit Jahren dort Stammgäste waren. Das Grad House war ihr Ort — und weil ich so oft dort war, wurde es auch meiner. Man kannte mich. Man freute sich, wenn man mich sah. Ich fehlte, wenn ich nicht kam.
Oldenburg hätte das vorhergesehen.
Was mich überrascht hat: Ich war NIE allein dort. Auch nicht an den Abenden, wenn mein Freund hinter der Bar stand und keine Zeit hatte oder überhaupt nicht anwesend war. Auch nicht an den ruhigen Vormittagen. Immer war jemand da, dem man zunicken konnte, mit dem man ein paar Sätze wechselte, neben dem man einfach saß.
Im Zimmer war ich allein. Im Grad House war ich es nicht — selbst wenn ich nichts sagte.
Es gibt ein Bild, das ich noch heute vor mir sehe.
Vormittag. Ein Kaffeebecher dampft vor mir auf dem Tisch. Ich sitze in der hinteren Ecke, zwei Fenster über Eck, und draußen liegt der Campus in der Herbstsonne. In der Hand halte ich die Lektüre, die ich bis zur nächsten Woche gelesen haben muss. Um mich herum: das gedämpfte Geräusch von zwei, drei anderen Gesprächen. Das Klirren einer Tasse. Musik irgendwo.
Kein Wohnzimmer. Aber das Gefühl davon.
Und dann die Abende: ein großer Tisch, fünfzehn, zwanzig Leute. Manche kannte ich, manche nicht. Rauch hing in der Luft — im Grad House war das erlaubt. Bier und Musik, Gelächter aus irgendeiner Ecke. Gespräche, die nirgendwo hinführten und deshalb überall. Das war kein Programm. Niemand hatte etwas geplant — man war einfach da.
Kurz vor meiner Abreise — es war Sommer, ich hatte noch wenige Wochen — saßen wir zu viert auf dem Patio oben. Mein inzwischen sehr guter Freund. Die Kommilitonin, die ihn zuvor kannte und mir seinen Namen gegeben hatte, damals auf Besuch. Und eine junge Frau aus Deutschland, die im Austauschprogramm das Jahr nach mir war. Ich hatte sie über die Mannheimer Gruppe kennengelernt, nicht im Grad House.
Sie ist heute meine Frau.
Ich wusste das damals noch nicht. Wir tranken Bier, saßen in der Sonne, hatten Spaß. Ein ganz normaler Nachmittag. Dreißig Jahre später weiß ich, dass da alle saßen, die dieses Jahr zu etwas gemacht haben — der Freund, der geblieben ist, und die Frau, die dazugekommen ist. Ohne die Kommilitonin wäre ich nie ins Grad House gegangen.
Alles hatte mit einem Namen begonnen. Und einem Haus, das kein Zuhause war.
Teil zwei von sechs. Im ersten Teil ging es ums Konzept. Hier ist die Geschichte dahinter.

[…] Dritte Ort – alle Teile der Serie Teil 1: Der Ort, der keine Einladung braucht Teil 2: Das Haus, das kein Zuhause war – und trotzdem meins Teil 3: Was einen Dritten Ort wirklich ausmacht (geplant für 28.06.2026) Teil 4: Dritte Orte […]