Manche der besten Fotos, die ich gemacht habe, waren keine Absicht. Eine Krähe, die mit einer grünen Schote im Schnabel genau in dem Moment stillhält, in dem man den Auslöser drückt. Ein Steinbock im Sprung zwischen zwei Felsen, eine Zehntelsekunde bevor man ihn überhaupt bewusst wahrgenommen hat. Auf geplanten Fotoausflügen, wo ich mit einem bestimmten Bild im Kopf losgezogen bin, kam oft weniger zurück als erwartet. Die Bilder, die bleiben, entstanden meistens dann, wenn ich nicht auf sie gewartet habe — sondern einfach da war und geschaut habe.
Das beschäftigt mich, weil es nicht nur in der Fotografie so ist.

Eugen Herrigel, ein deutscher Philosoph, lernte in den 1920er-Jahren in Japan das Bogenschießen — Kyūdō — unter Meister Kenzō Awa. Die Lektion, die er mit nach Hause brachte, klingt zunächst nach Mystik: Wer auf die Scheibe starrt, trifft sie nicht. Wer Haltung und Atem beherrscht und im richtigen Moment loslässt, trifft. Der Pfeil findet seinen Weg nicht trotz dieser Sorgfalt, sondern wegen ihr. Die Scheibe ist nicht das Ziel des Trainings — sie ist das Ergebnis, das entsteht, wenn alles andere stimmt.
Im Westen denken wir umgekehrt. Ergebnisse zählen, und wir heften unsere Aufmerksamkeit daran. Das Problem ist nicht, dass Ergebnisse unwichtig wären. Es ist, dass man sie meistens nicht direkt herbeiführen kann. Man kann nicht erzwingen, dass eine Krähe mit einer grünen Schote ins Bild läuft. Man kann nur bereit sein, wenn sie es tut. Wer in diesem Moment gedanklich schon beim nächsten geplanten Shot ist, drückt zu spät ab — oder gar nicht.
Ich habe meinen Obsidian-Vault — mein persönliches Notiz- und Denksystem — dreimal von Grund auf neu aufgebaut. Jedes Mal habe ich am Erscheinungsbild gefeilt, an Farben und Ordnerstruktur, statt die Notizen wirklich zu benutzen. Was ich dabei lange übersehen habe: Das alles ist egal. Was zählt, ist das, was man mit dem System macht — Gedanken sammeln, ordnen, auf das Wesentliche reduzieren und schließlich ausdrücken.1 Als ich aufgehört habe, den Vault zu gestalten, und angefangen habe, ihn zu benutzen, entstand die Version, mit der ich heute arbeite. Nicht durch einen besseren Entwurf, sondern einfach durch Benutzung.
James Clear bringt es auf eine Formel: Du erreichst nicht das Level deiner Ziele — du fällst auf das Level deiner Systeme. Ein Ziel ist ein Punkt auf der Karte. Eine Absicht ist die Art, wie man geht, jeden Tag, auch wenn der Punkt noch weit weg ist.
Herrigel nennt diesen Zustand Aiming — Zielen nicht als einmaligen Akt, sondern als Haltung, die man hält. Wer aufmerksam bleibt und jeden nächsten Schritt so gut macht wie möglich, lässt das Ergebnis entstehen, statt es zu erzwingen. Das ist keine Passivität. Wer sich auf den Prozess konzentriert, arbeitet ruhiger und hält länger durch — weil das Gefühl des Fortschritts nicht davon abhängt, ob das Ergebnis schon sichtbar ist.
Der Steinbock auf dem Foto springt. Ich habe nicht auf diesen Moment gewartet. Ich war einfach da.

1 CODE steht für Capture, Organize, Distill, Express — ein von Tiago Forte entwickelter Workflow für persönliches Wissensmanagement.
Literatur
Eugen Herrigel (1948): Zen in der Kunst des Bogenschießens. München: O.W. Barth
James Clear (2018): Atomic Habits. New York: Avery
Tiago Forte (2022): Building a Second Brain. New York: Atria Books
Anne-Laure Le Cunff (2022): Everything is Aiming. Ness Labs
