Irgendwann kam der Moment, in dem Evernote zu teuer wurde. Nicht dramatisch teuer — nur teuer genug, um sich zu fragen, ob das Abo noch seinen Preis wert war. Die Entscheidung war klar: raus. Aber dann kam das nächste Problem. Der Export war umständlich. Evernote hat zwar ein eigenes Format — ENEX —, aber um die Notizen sauber in eine andere App zu bekommen, brauchte es eine Drittanwendung. Jahrelang gesammelte Gedanken, und sie rauszubekommen war wie ein Umzug durch eine zu kleine Tür.
Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Diese Notizen gehörten mir nicht wirklich. Ich hatte sie gesammelt, ich hatte sie geschrieben — aber ich hatte sie in einem System aufbewahrt, das einer anderen Firma gehörte.

Das ist keine Kritik an Evernote allein. Notion, Apple Notes, Bear, Google Keep — sie alle funktionieren nach demselben Prinzip. Die Notizen liegen in einer Datenbank, die an die App gebunden ist. Man hat keinen direkten Zugriff auf die Daten, nur einen vermittelten. Wer eines Tages die Preise anhebt oder den Dienst einstellt, ist nicht der Nutzer.
Die Entscheidung, zu Obsidian zu wechseln, fiel nicht zufällig. Ich hatte gerade Sönke Ahrens‘ Das Zettelkasten-Prinzip gelesen — ein Buch über das Denken mit Notizen, nicht nur das Sammeln. Obsidian passte dazu: Es speichert alles in einfachen Textdateien, verlangt kein Abo für die Grundfunktionen und sperrt die eigenen Gedanken hinter keine proprietäre Datenbank.
Steph Ango, einer der Gründer von Obsidian — er und Mitgründerin Erica Xu haben sich an der University of Waterloo kennengelernt, vielleicht sogar im Graduate House, dem Pub der Grad-Studenten auf dem Campus — hat das Prinzip dahinter in einem kurzen Essay beschrieben: File over App. Der Kern: Speichere deine Notizen als einfache Textdateien, nicht in App-Datenbanken. Dateien überdauern Apps. Markdown gibt es seit über zwanzig Jahren. Evernote, Notion und Apple Notes gibt es vielleicht noch weitere zwanzig — vielleicht auch nicht. Eine Markdown-Datei lässt sich in jedem Editor öffnen, der heute existiert, und in jedem, der in zehn Jahren noch existieren wird.
Was das konkret bedeutet: Alle Notizen in meinem Vault liegen als .md-Dateien in iCloud. Ich kann sie im Finder sehen, ohne Obsidian zu öffnen, und in einem anderen Editor bearbeiten, ohne Umweg. Sie gehören mir, weil sie in einem Format auf meiner Festplatte liegen, das kein Unternehmen kontrolliert.
Das klingt absolut. In der Praxis war es das nicht immer. Als Obsidian noch keine gute Mobile-App hatte, habe ich auf dem iPhone oft andere Apps genutzt und die Notizen später manuell übertragen. Ein Kompromiss — aber ein bewusster. Er zeigt, dass Datensouveränität manchmal unbequemer ist als das reibungslose Abo-Modell, das einem alles auf allen Geräten gibt und dafür still den Schlüssel behält.
Der Unterschied bleibt trotzdem real. Wenn Obsidian morgen verschwindet, sind meine Notizen noch da und ich kann sie in einem anderen Programm öffnen. Wenn ich aufhöre zu zahlen, ändert sich nichts.
Wer heute anfängt, Notizen zu machen, sollte sich eine Frage stellen: Wo liegen diese Gedanken in zehn Jahren — in einem Format, das mir gehört, oder in einem System, für das ich zahlen muss, um meine eigenen Texte zu lesen?
Literatur
Steph Ango (2023): File over App
Sönke Ahrens (2017): Das Zettelkasten-Prinzip. Erfolgreich wissenschaftlich Schreiben und Studieren mit effektiven Notizen. Norderstedt: Books on Demand
Borns IT- und Windows-Blog (2026): Evernote: Fette Preiserhöhung um das 5–17fache
